Vom 1. bis 4. Juni nahm Scherin Omairatte aus Iserlohn an der Veranstaltung "Jugend und Parlament" des Deutschen Bundestages teil. (Mehr zu Jugend und Parlament hier.) In dem folgenden Bericht schildert Scherin, wie sie den Blick hinter die Kulissen des Parlaments erlebt hat:

"Auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag bekam ich die Chance an dem viertägigen Planspiel „Jugend und Parlament“ teilzunehmen, das vom 1. bis zum 4. Juni im Deutschen Bundestag stattfand.

An den Originalschauplätzen des Deutschen Bundestages simulierten dabei etwa 350 Jungparlamentarierinnen und -parlamentarier vier Tage lang die Arbeit der Abgeordneten, sei es in den Fraktionen, den Landesgruppen, den Ausschüssen oder im Plenum. Bei der abschließenden Debatte im Plenarsaal traten Rednerinnen und Redner aus allen Spielfraktionen ans Pult und versuchten, Mehrheiten für ihre politischen Anliegen zu gewinnen. 

Für diese vier Tage erhielt ich eine fiktive Identität sowie die Zugehörigkeit zu einer fiktiven Partei. Von nun an hieß ich Lina Schulz, war 67 Jahre alt und verheiratet. Darüber hinaus hatte ich den Beruf der Verwaltungswirtin erlernt und kam aus Wetzlar in Hessen. Ich war Abgeordnete der Partei für „Engagement und Verantwortung“ (PEV), welche sich in die Mitte einordnen lässt, und hatte die nächsten Tage die Aufgabe, mich in meine fiktive Rolle hineinzuversetzen und diese bestmöglich zu vertreten. Dies stellte eine enorme Herausforderung für mich dar, da ich mich nun in eine komplett andere Person hineinversetzen musste.

Doch dies sollte nicht die einzige Herausforderung sein, denn sowohl die konservative „Bewahrungspartei“ (BP), welche die Opposition bildete, als auch unser Koalitionspartner die „Gerechtigkeitspartei“ (GP) brachten uns die nächsten Tage in zahlreiche nervenaufreibende Situationen. In vier Gesetzesentwürfen mussten wir unsere Standpunkte und Werte in Arbeitsgruppen, Ausschüssen und Plenardebatten überzeugend gegenüber der Opposition behaupten und versuchen, Stimmen für unsere Gesetzesentwürfe zu gewinnen. Ich war für meine Partei im Ausschuss für Jugend tätig und arbeitete an einem Entwurf des Bundesrates, welcher die Senkung des Mindestalters für das aktive Wahlrecht bei Wahlen zum Deutschen Bundestag vorsah. Daneben wurde unter anderem auch über den Entwurf eines Gesetzes über verbindliche Vorgaben zur Reduzierung von Diskriminierungsmöglichkeiten bei Bewerbungen für die Behörden des Bundes diskutiert und über die Ausweitung der Beteiligung deutscher Streitkräfte an der EU-geführten Operation EUMISA.

Als Abgeordnete hatte ich fortan die Aufgabe, mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen in den Fraktionen, in Ausschüssen und im Plenum über die Vorlagen und möglichen Veränderungen zu beraten, bevor ich im Rahmen der zweiten Plenarsitzung darüber abstimmte. Dabei war es wichtig, die mit dem Vorhaben verbundenen Chancen und Probleme zu thematisieren.

Bevor damit jedoch begonnen werden konnte, musste unsere Fraktion zuerst einen Vorsitzenden wählen. Da mich dieser Posten besonders reizte, ließ ich mich spontan aufstellen und konnte mich bei der Wahl gegen meine Mitstreiter durchsetzen und wurde zur Vorsitzenden der PEV gewählt. Voller Freude trat ich mein neues Amt an, doch diese Freude war auch mit viel Arbeit und Verantwortung verbunden, was ich bereits am Abend zu spüren bekam. Denn die Absprachen und Verhandlungen mit den anderen Fraktionsspitzen gingen bis tief in die Nacht hinein und fanden oft abseits der offiziellen Veranstaltung statt. Da niemand von uns am Ende „die Kröte schlucken wollte“, blieb jeder von uns hartnäckig aber auch kompromissbereit, denn schließlich waren wir sowohl auf den Koalitions- als auch auf den Oppositionspartner angewiesen, um die Mehrheiten für die Gesetzesentwürfe zu gewinnen. Wir standen mit vollem Ehrgeiz hinter unserer Aufgabe und nahmen das Planspiel sehr ernst.

Anschließend wurden alle vier Gesetzesentwürfe in hitzigen Debatten und Reden am Dienstag im Plenarsaal vorgebracht. In zwei Themen, einerseits einer Reduzierung von Diskriminierungsmöglichkeiten und andererseits einer Einführung eines Pfandsystems auf Einwegbecher, konnten wir mit Teilen der Opposition die vorgegebenen Gesetzesentwürfe annehmen. Bei der Gesetzesänderung zur Senkung des Mindestwahlalters auf 16 Jahre konnten wir nicht die Mehrheit gewinnen, da sich die Opposition auch nach vielen Kompromissvorschlägen nicht darauf einlassen wollte.

Zum Abschluss hielt der Bundestagspräsident Herr Dr. Schäuble eine Rede in der er unser Engagement lobte und wurde dabei von Klimaaktivisten und ihrem Prostest unterbrochen. Später fand auch noch eine interessante und aufschlussreiche Diskussionsrunde mit den Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen statt.

Mein Fazit zum Planspiel ist sehr positiv. Es waren sehr anstrengende, schlaflose aber auch erlebnisreiche Tage in Berlin. Wir hatten die Möglichkeit, uneingeschränkt hinter die Kulissen des Deutschen Bundestages und der Arbeit der Abgeordneten zu schauen. Besonders spannend war auch, mit Jugendlichen einer anderen politischen Auffassung ins Gespräch zu kommen und zu beobachten, wie sie unabhängig von der Sicht ihrer zugeteilten fiktiven Partei versuchten, ihre eigene Meinung einzubeziehen.

An dieser Stelle auch noch mal einen herzlichen Dank an die Bundestagsabgeordnete Frau Dagmar Freitag, die mir die Teilnahme am Planspiel ermöglicht hat. Durch sie und das Planspiel konnte ich politische Eindrücke gewinnen, die vielen Menschen nicht zuteilwerden. Ich konnte lernen, wie das Leben einer Abgeordneten wirklich ist, nämlich anstrengend und stressig, aber auch schön, wenn man die Fortschritte und Veränderungen sieht, die man selber für die Bürger verfolgt hat."